Wie ich das Wort Nein lieben lernte

Wer kennt sie nicht, diese Momente, in denen sich der Boden neben dem Schreibtisch auftut und urplötzlich Kollegen auftauchen lässt. Diese hauchen dann ein charmantes „Du… [Name beliebig] kannst Du gerade mal…..?“ in das eigene Ohr säuseln.
Natürlich fühlt man sich, ob seiner Erziehung, dazu genötigt den Kollegen seine Aufmerksamkeit zu widmen und schon sitzt man in der Falle. Die Kollegen lassen die kleinen Zeit- und Energiefresser auf einen los, die verhindern, dass man seine eigene Arbeit schafft oder zumindest vorantreiben kann.

Diesen „eben gerade“ ist in meinen Augen zwar oberflächlich nett gemeint, aber kann wirklich hinterhältig sein. Zunächst wird man aus dem aktuellen Gedanken herausgerissen, um sich in den neuen Sachverhalt hineinzudenken. Dies nimmt mitunter einiges an Zeit in Anspruch. Das schwierigste finde ich jedoch, den eigenen, abgebrochenen Gedanken wieder aufzugreifen und zu Ende zu denken.

Lange Jahre wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass es ein ganz einfaches Mittel gegen diese possierlichen Wesen gibt.
Dies Lektion erteilte mir mein damaliger Ausbilder Max. Eines schönen morgens stand er wie gewohnt neben meinem Schreibtisch, um mir meine Tagesaufgabe zu erteilen. Dieses Mal trat er jedoch mit sehr ernster Miene auf mich zu und meinte er hätte eine sehr schwere Aufgabe für mich. Eine der schwersten, wie ich im Nachgang immer noch bewerte. „Heute sagst Du jedem der an Deinen Schreibtisch kommt und dich um etwas bittet: „Nein, kann ich nicht“. Ich war verwundert und fühlte mich pudelwohl, dass schien ein guter Tag zu werden, an dem ich nicht viel zu tun hatte. Weit gefehlt!
Die ersten beiden Personen waren noch leicht abzuschmettern. Es handelte sich um Mitauszubildende. Nummer drei erwies sich als ein anderes Kaliber – unser Geschäftsführer! „Äh, Sebastian könnten Sie gerade einmal…“ seine restlichen Worte verschwanden im Nebel meiner Unsicherheit. Ich konnte doch nicht dem obersten Chef der Firma ein „Nein“ entgegen schmettern…
Es war eine große Überwindung die von Max geforderte Antwort zu äußern, jedoch versetzte mich das Ergebnis in pures Erstaunen. „Oh, okay“, entgegnete der Geschäftsführer und setzte seine Suche nach jemanden fort, der ihm helfe könnte.

Diese Situation hat sich mir eingebrannt und seitdem geht mir dieses schwierige „Nein“ wesentlich leichter von der Hand.
Die freundlich vorgebrachte Ablehnung einer Bitte verschafft einen Freiraum für das eigene Handeln. Nun ist es nicht so, dass ich jetzt permanent alle diese Hilfegesuche ablehne.
Ich kann mich daran erinnern, dass einmal eine Kollegin in meiner Tür stand und ich Ihre „Gerade eben mal“-Frage mit den Worten „Geben Sie mir zwei Minuten“ beantwortete – unhöflicher Weise, ohne vom Schreibtisch aufzusehen. Erstaunlicher Weise wurde dies akzeptiert und ich konnte meinen Gedanken zu Ende führen und mich danach mit voller Aufmerksamkeit ihrer Fragestellung widmen. Es ergab sich eine Win-Win-Situation für uns beide.

Natürlich habe ich immer einen kurzen Moment Bedenken, dass ich mit einem „Nein“ Sympathien verliere oder als unhöflich erscheine.
Hat die obige Situation meinem Ansehen oder meiner Reputation geschadet? Nein, das Gegenteil war der Fall. Ich konnte mich, durch das Setzen dieser Grenze, vollkommen beiden Themen widmen können und habe es eben nicht „gerade nebenbei“ geantwortet.

Ich habe festgestellt, dass ich durch diese klare Abgrenzung mein Stresslevel sehr stark reduzieren kann. Ich habe mich vom Glaubenssatz gelöst, dass ich zu jeder Zeit und überall hilfsbereit sein muss. Ich muss nicht, ich kann durch ein kleines „Nein“ selber steuern, wieviel ich auf einmal zu tun habe.

In welchen Situationen fällt es Dir schwer oder leicht ein „Nein“ in Deiner Umgebung zu platzieren?

 

1 Kommentar zu „Wie ich das Wort Nein lieben lernte“

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