Wie ich das Wort Nein lieben lernte

Wer kennt sie nicht, diese Momente, in denen sich gefühlt der Boden neben dem eigenen Schreibtisch öffnet und plötzlich ein Kollege daraus auftaucht. Fast lautlos. Fast unschuldig. Und dann dieses charmante Säuseln ins Ohr:

„Du … [Name beliebig] … kannst du gerade mal …?“

Natürlich fühlt man sich – gut erzogen, wie man ist – sofort verpflichtet, seine Aufmerksamkeit zu schenken. Man dreht sich um, hört zu, nickt vielleicht sogar schon. Und zack: sitzt man in der Falle.
Die Kollegen lassen ihre kleinen Zeit- und Energiefresser auf einen los. Aufgaben, Fragen, Gedanken, die verhindern, dass man die eigene Arbeit schafft – oder zumindest sinnvoll voranbringt.

Dieses scheinbar harmlose „eben gerade mal“ ist in meinen Augen zwar nett gemeint, aber durchaus hinterhältig. Denn was dabei oft unterschätzt wird:
Zuerst werde ich aus meinem aktuellen Gedanken herausgerissen. Dann muss ich mich in einen völlig neuen Sachverhalt hineindenken. Und das kostet Zeit – oft mehr, als die eigentliche Frage überhaupt wert ist.

Das Schwierigste aber kommt danach: den eigenen, abgebrochenen Gedanken wiederzufinden, aufzunehmen und zu Ende zu denken. Manchmal fühlt es sich an, als hätte jemand mitten im Satz das Buch zugeklappt.

Die vielleicht schwerste Aufgabe meiner Ausbildung

Lange Jahre wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass es ein überraschend einfaches Mittel gegen diese possierlichen Unterbrechungswesen gibt.
Diese Lektion verdanke ich meinem damaligen Ausbilder Max.

Eines Morgens stand er – wie so oft – neben meinem Schreibtisch, um mir meine Tagesaufgabe zu geben. Dieses Mal jedoch mit ernster Miene. Sehr ernster Miene.
Er sagte: „Ich habe heute eine der schwersten Aufgaben für dich.“
Und ich kann rückblickend sagen: Er hatte recht.

Die Aufgabe lautete:
„Heute sagst du zu jedem, der an deinen Schreibtisch kommt und dich um etwas bittet: Nein, kann ich nicht.“

Ich war verwundert. Und – ehrlich gesagt – fühlte ich mich kurz pudelwohl. Das klang nach einem entspannten Tag. Weit gefehlt.

Die ersten beiden Personen waren noch leicht abzuschmettern. Es handelte sich um Mitauszubildende. Ein kurzes „Nein“ – fertig.
Dann kam Nummer drei. Und die hatte es in sich: unser Geschäftsführer.

Er stand vor mir und begann mit den Worten:
„Äh, Sebastian, könnten Sie gerade einmal …“
Der Rest seiner Worte verschwand im Nebel meiner Unsicherheit.
Ich sollte dem obersten Chef der Firma ein „Nein“ sagen? Ernsthaft?

Es kostete mich eine enorme Überwindung, die von Max geforderte Antwort auszusprechen. Aber ich tat es.
Und das Ergebnis versetzte mich in pures Erstaunen.

„Oh, okay“, sagte der Geschäftsführer – und ging weiter, auf der Suche nach jemand anderem, der ihm helfen konnte.

Ein Nein, das alles verändert hat

Diese Situation hat sich bei mir eingebrannt. Und seitdem geht mir dieses schwierige „Nein“ deutlich leichter von den Lippen.
Nicht rüde. Nicht arrogant. Sondern freundlich, klar und bewusst.

Eine wohlwollend formulierte Ablehnung verschafft mir Freiraum – für mein eigenes Handeln, meine Gedanken, meine Verantwortung.
Und nein: Das bedeutet nicht, dass ich heute jede Bitte pauschal ablehne.

Ich erinnere mich an eine Kollegin, die einmal in meiner Tür stand und ihre klassische „gerade eben mal“-Frage stellen wollte.
Ich antwortete: „Geben Sie mir bitte zwei Minuten.“
Unhöflicherweise, ohne vom Bildschirm aufzusehen.

Erstaunlicherweise wurde das akzeptiert.
Ich konnte meinen Gedanken zu Ende führen – und mich danach mit voller Aufmerksamkeit ihrer Fragestellung widmen.
Eine echte Win-Win-Situation.

Grenzen setzen heißt nicht unkollegial sein

Natürlich habe auch ich immer wieder kurz Sorge:
Wirkt das unhöflich? Verliere ich Sympathien? Leidet meine Reputation?

Hat mir diese Haltung geschadet?
Nein. Ganz im Gegenteil.

Ich habe festgestellt, dass Menschen meine Zeit und meine Antworten mehr schätzen, wenn ich sie nicht „nebenbei“ verteile.
Durch das Setzen klarer Grenzen konnte ich mich beiden Themen wirklich widmen – statt allem ein bisschen und nichts richtig.

Mein Stresslevel ist dadurch deutlich gesunken.
Ich habe mich von dem Glaubenssatz verabschiedet, dass ich jederzeit und überall hilfsbereit sein muss.

Ich muss nicht.
Ich kann entscheiden.
Und manchmal beginnt Selbstfürsorge mit einem kleinen, freundlichen „Nein“.

Und jetzt bin ich neugierig:

In welchen Situationen fällt es dir leicht, ein „Nein“ auszusprechen – und wo wird es schwierig?

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